Das unsichtbare Cochlea-Implantat ist da.
von von Maximilian Bauer, MSc. Clinical Audiology (Kommentare: 0)
Von Maximilian Bauer
Hörakustikmeister, MSc. Clinical Audiology
Drei Uhr nachts. Im Flur schlägt der Rauchmelder an. Wer ein Cochlea-Implantat trägt, hört ihn nicht: Der Audioprozessor liegt auf dem Nachttisch, und ohne ihn ist das Ohr taub.
Genau hier setzt das TICI UNICO an. MED-EL hat es am 29. September 2026 vorgestellt: ein Cochlea-Implantat, bei dem Mikrofon, Prozessor und Akku unter der Haut liegen. Es hört auch nachts, unter der Dusche und im Schwimmbad.
Das Wichtigste vorab: Das TICI UNICO ist in Europa für Erwachsene zugelassen, nicht für Kinder. Begutachtete Daten gibt es bisher von sechs Personen über ein Jahr. Ob die Krankenkassen in Deutschland die Mehrkosten tragen, ist offen. Wer bereits eine CI-Indikation hat, sollte die Versorgung nicht allein deshalb aufschieben, um auf ein vollimplantierbares System zu warten.
Für wen ein Cochlea-Implantat überhaupt infrage kommt
Ein Cochlea-Implantat (CI) ist kein stärkeres Hörgerät. Es umgeht die geschädigten Haarzellen im Innenohr und stimuliert den Hörnerv direkt elektrisch.
Infrage kommt es bei schwerer bis hochgradiger Schallempfindungsschwerhörigkeit, wenn Hörgeräte nicht mehr genug Sprachverstehen liefern. Die deutsche S2k-Leitlinie nennt als Richtwert ein Einsilberverstehen von höchstens 60 Prozent bei 65 dB mit optimal angepassten Hörgeräten. Den Ablauf beschreibt der Ratgeber zum CI für Erwachsene.
Dazu kommen zwei Sonderfälle: einseitige Taubheit und ein steiler Hochtonabfall mit Restgehör im Tiefton. Im zweiten Fall arbeitet das Implantat elektrisch, das Restgehör akustisch. Fachleute nennen das elektrisch-akustische Stimulation, kurz EAS.
Die Versorgungslücke ist groß. Die WHO schätzt rund 60 Millionen Menschen weltweit mit schwerem bis hochgradigem Hörverlust. Implantiert wurden bisher insgesamt etwas mehr als eine Million. In Deutschland wurden 2023 laut InEK-Daten 4.832 Cochlea-Implantationen kodiert.
Einordnung: Ein CI liefert dem Hörnerv ein elektrisches Muster. Sprache wird daraus erst im Gehirn. Deshalb entscheidet nach der Operation die Hörrehabilitation über das Ergebnis, bei jedem Implantattyp.
Warum lassen sich so wenige Kandidaten implantieren? Ein Teil der Antwort hängt hinter dem Ohr.
Die Psychologie des sichtbaren Geräts
Viele CI-Träger tragen ihren Prozessor mit Selbstverständlichkeit, manche in auffälligen Farben. Für sie ist Sichtbarkeit kein Thema.
Für andere ist sie eines. Die Stigma-Forschung beschreibt Hörverlust als Merkmal, das mit Alter und nachlassender Leistungsfähigkeit verknüpft wird. Ein sichtbares Gerät macht dieses Merkmal öffentlich.
Der Kern liegt in der Kontrolle über die Offenlegung. Wer ein Gerät am Kopf trägt, kann nicht mehr selbst bestimmen, wann andere vom Hörverlust erfahren. Studien zu den Hürden der CI-Versorgung nennen das als einen von mehreren Gründen, warum Kandidaten zögern.
Die Daten aus den Implantatstudien zeichnen ein gemischtes Bild. In der Machbarkeitsstudie von Cochlear bewerteten zwei von zehn Teilnehmern die Diskretion als besonders wichtig. Andere interessierte vor allem, wie gut sie verstehen.
In der MED-EL-Studie trug ein Teilnehmer den äußeren Prozessor überwiegend zu Hause und schaltete in der Öffentlichkeit auf den unsichtbaren Modus. Deutlicher lässt sich das Motiv kaum zeigen.
Nuance: Philippe Lefebvre, einer der beiden Studienchirurgen, sagte bei der Vorstellung, er habe die Unsichtbarkeit für den Hauptvorteil gehalten. Nach der Arbeit mit den Patienten sehe er ihn im durchgehenden Hören. MED-EL bewirbt das Implantat trotzdem zuerst als unsichtbar.
Wo das klassische CI im Alltag endet
Ein klassisches CI besteht aus zwei Teilen: dem Implantat unter der Haut und dem Audioprozessor außen. Im Prozessor sitzen Mikrofone, Signalverarbeitung und Stromversorgung. Ohne ihn ist das Implantat stumm.
Daraus folgen Grenzen, die jeder Träger kennt:
- Nachts: Der Prozessor liegt auf dem Nachttisch. Rauchmelder, Wecker und ein weinendes Kind bleiben ungehört.
- Wasser: Duschen und Schwimmen gehen nur mit Schutzhüllen oder gar nicht.
- Sport und Kopfbedeckung: Helm, Mütze und Brillenbügel konkurrieren mit Prozessor und Spule um denselben Platz.
- Verlust und Defekt: Ein Prozessor kann herunterfallen, nass werden oder verloren gehen. Bis zum Ersatz ist das Ohr taub.
- Wartung: Akkus laden, Mikrofonabdeckungen wechseln, trocknen, reinigen.
Für vieles gibt es Zubehör. Es bleiben Umwege. Das vollimplantierbare CI will diese Umwege überflüssig machen.

Was das TICI UNICO anders macht
TICI steht für Totally Implantable Cochlear Implant. Beim TICI UNICO (Modell Mi2000) liegen vier verbundene Bauteile unter der Kopfhaut: Mikrofon, Stimulator mit Prozessor und Akku, Spule und Elektrodenträger. Der Stimulator ist das Gehäuse, das die Elektrode im Innenohr ansteuert.
Das Mikrofon ist das eigentlich Neue. Es wird oberhalb und hinter dem Ohr im Knochen verschraubt und nimmt Schall durch etwa 6 mm Haut auf. Wie es das technisch löst, legt MED-EL nicht offen.
Geladen wird über den GoPod, ein magnetisch haftendes Ladegerät in Schlüsselanhängergröße. Das Hören läuft beim Laden weiter. Mit dem GoPod lässt sich das Implantat auch abschalten, etwa für eine stille Nacht.
Die folgenden Werte sind Herstellerangaben vom Stand Oktober 2026.
| Merkmal | Angabe von MED-EL |
|---|---|
| Gewicht | 20 g |
| Akkulaufzeit | bis zu 40 Stunden, abhängig von Einstellung und Nutzung |
| Ladedauer | etwa 1 bis 1,5 Stunden bei täglichem Laden |
| Akku-Lebensdauer | mindestens 15 Jahre, laut Fußnote berechnet und nicht gemessen |
| Akkutausch | nicht einzeln möglich, erfordert den Tausch des Implantats |
| MRT | bedingt MR-sicher bei 1,5 und 3,0 Tesla ohne Magnetentfernung |
| Elektroden | FLEX26, FLEX28, FLEXSOFT, FLEX34 und STANDARD |
| Frequenzbereich | 70 bis 8.500 Hz |
| Verbindung nach außen | integrierte Telefonspule für Induktionsschleifen, kein Bluetooth |
| Externer Prozessor | SONNET 2, SONNET 3 und RONDO 3 weiter nutzbar |
Der letzte Punkt ist wichtiger, als er aussieht. Das TICI lässt sich in einen Prozessormodus schalten und arbeitet dann wie ein klassisches CI. Lässt der Akku nach, bleibt dieser Weg grundsätzlich offen. Ob er auch bei einem Defekt des implantierten Mikrofons funktioniert, hat MED-EL nicht dargelegt.
Musik und Telefon laufen nicht per Funk. MED-EL empfiehlt Knochenleitungskopfhörer oder Over-Ear-Kopfhörer, die über dem Mikrofon sitzen.
Einordnung: Ein Mikrofon unter der Haut hört auch den eigenen Körper: Kauen, die eigene Stimme, Berührung am Kopf. MED-EL schreibt, es seien dieselben Körpergeräusche, die auch normal Hörende wahrnehmen, und das Gehirn blende sie mit der Zeit aus. Messdaten dazu hat der Hersteller nicht veröffentlicht. Wie Körperschall die eigene Stimme bei Hörgeräten verändert, beschreibt der Artikel Kopf in der Tonne.
Operation und Aktivierung
Der Zugang zum Innenohr ist derselbe wie beim klassischen CI. Dazu kommt das Mikrofon: Es wird in ein flaches Knochenbett gesetzt, verschraubt und per Kabel mit dem Stimulator verbunden.
Das kostet Zeit. MED-EL nennt anderthalb bis drei Stunden. In der ersten Studie waren es im Mittel 211 Minuten, mit einer Spanne von 98 bis 324 Minuten. Ein Würzburger Kongressbeitrag von 2026 spricht von einer ungefähren Verdopplung gegenüber dem klassischen CI.
Etwa vier Wochen nach der Operation wird das Implantat eingeschaltet und eingestellt. Danach beginnt die Hörrehabilitation, wie bei jedem CI.
Was belegt ist und was nicht
Unabhängige Studien zum TICI UNICO gibt es nicht. Alle klinischen Daten stammen aus Studien, die MED-EL bezahlt, mitgeplant und mitausgewertet hat. Das ist bei neuen Implantaten üblich. Es gehört trotzdem an den Anfang. Auch die kleine Zahl ist normal: Erststudien mit Implantaten, die eine Operation erfordern, beginnen mit wenigen Personen.
| Ebene | Was vorliegt | Wie belastbar |
|---|---|---|
| Publiziert und begutachtet | Machbarkeitsstudie, 6 Erwachsene, 52 Wochen (Lefebvre et al. 2025) | Erste Sicherheitsdaten, keine statistische Prüfung |
| Abgeschlossen, unveröffentlicht | Zulassungsstudie, 30 Erwachsene, ohne Vergleichsgruppe, 6 Monate (NCT06459765) | Grundlage der Marktzulassung, Ergebnisse nicht einsehbar |
| Kongress und Hersteller | 4 bis 5 Jahre Verlauf bei drei Münchner Patienten, Würzburger Erfahrungen | Nicht begutachtet |
| Nicht untersucht | Kinder, Schlafqualität, Höranstrengung, Ausfallraten über Jahre | Keine Daten |
Die sechs Personen der Machbarkeitsstudie
Eine Machbarkeitsstudie prüft zuerst, ob ein neues Gerät sicher ist. Implantiert wurde ab September 2020 in Lüttich und München. Die Teilnehmer waren im Mittel 44,5 Jahre alt und nach dem Spracherwerb ertaubt.
Jeder wurde in zwei Modi getestet: nur mit dem Implantat und mit einem äußeren SONNET-Prozessor am selben Ohr. Das Sprachverstehen in Ruhe und im Störschall lag in beiden Modi auf ähnlichem Niveau.
Die Autoren schreiben selbst, dass diese Aussage vorläufig ist. Wegen der kleinen Gruppe haben sie auf jede statistische Prüfung verzichtet.
Zur Sicherheit: 15 unerwünschte Ereignisse, davon 9 mit Bezug zum Gerät. Eines war schwerwiegend, eine Schwellung mit Infektionszeichen am Implantatlager. Sie heilte nach Behandlung folgenlos aus.
Genutzt wurde der unsichtbare Modus zwischen 4,2 und 18,5 Stunden am Tag. Fünf von sechs verwendeten ihn überwiegend.
Vorbehalt: Drei der fünf Autoren sind MED-EL-Beschäftigte, darunter die Geschäftsführerin. MED-EL hat laut Interessenerklärung Studiendesign, Datenanalyse und Manuskript mitgestaltet. Die beiden Chirurgen erklären keine Interessenkonflikte.
Was MED-EL sagt und noch nicht gezeigt hat
- Gleiche Hörleistung wie mit äußerem Mikrofon: Begutachtet belegt an sechs Personen. Die Studie mit 30 Personen ist laut MED-EL bei einer Fachzeitschrift eingereicht.
- Akku für 15 Jahre: eine Berechnung. Der längste dokumentierte Verlauf liegt bei rund fünf Jahren.
- Körpergeräusche wie bei normal Hörenden: keine veröffentlichte Messung, keine Befragung mit Skala.
- Hören im Schlaf als Vorteil: plausibel für Sicherheit und Elternschaft. Ob Dauerhören den Schlaf stört, hat niemand untersucht.
Offene Risiken
- Akkuwechsel bedeutet Operation. Der Akku sitzt im Stimulatorgehäuse. Ist er verbraucht, wird das Implantat getauscht.
- Die Haut über dem Mikrofon. Laut den Entwicklern dämpft zu dickes Gewebe den Schall. Zu dünnes kann Probleme machen, wenn die Haut mit den Jahren weiter ausdünnt.
- Kein Hardware-Upgrade. Beim klassischen CI wird alle paar Jahre der äußere Prozessor erneuert. Die implantierte Elektronik bleibt, wie sie ist. Cochlear setzt beim Nucleus Nexa auf ein Implantat, dessen Firmware sich aktualisieren lässt.
- MRT-Artefakt. Das Mikrofon erzeugt eine zusätzliche Bildstörung in seiner Umgebung.
- Richtwirkung ungeklärt. Äußere Prozessoren nutzen zwei Mikrofone, um im Störschall nach vorn zu fokussieren. Ob das implantierte Mikrofon Vergleichbares leistet, gibt MED-EL nicht an. Die Position selbst ist weniger ungewöhnlich, als sie klingt: Auch Hinter-dem-Ohr- und Spulenprozessoren nehmen den Schall außerhalb der Ohrmuschel auf und nutzen deren Filterwirkung nicht. Neu ist die Gewebeschicht über dem Mikrofon. Was sie für Richtungshören und räumliches Hören bedeutet, ist nicht untersucht.
Für wen es infrage kommt und für wen nicht
Zugelassen ist das TICI UNICO für Erwachsene mit schwerer bis hochgradiger Schallempfindungsschwerhörigkeit, die auch Kandidaten für ein klassisches CI wären. Eine obere Altersgrenze nennt MED-EL nicht.
Nicht für Kinder. Beide Studien haben nur Erwachsene ab 18 Jahren aufgenommen. Daten zu Kindern gibt es nicht. Was für Kinder heute Standard ist, steht im Ratgeber zum CI bei Kindern. Naheliegende Gründe für die Zurückhaltung: ein 60 mm langes Implantat auf einem wachsenden Schädel und ein Akku, der im Lauf eines Kinderlebens mehrfach eine Tauschoperation verlangen würde.
Enger als die Zulassung: die Studienpopulation. Die Zulassungsstudie nahm nur Personen auf, die nach dem Spracherwerb ertaubt waren und deren Hörgerätenutzen seit weniger als zehn Jahren fehlte. Ausgeschlossen war, wer absehbar MRT-Untersuchungen braucht oder am anderen Ohr ein Implantat eines anderen Herstellers trägt. Für lange Ertaubte und für prälingual Ertaubte ist das Ergebnis offen.
Für ältere Angehörige zählen drei Punkte. Eine Altersgrenze gibt es nicht, die Teilnehmer der ersten Studie waren aber im Mittel 44,5 Jahre alt. Wer seit Jahrzehnten ertaubt ist, entspricht nicht der Studienpopulation. Und das Implantat braucht täglich etwa eine Stunde Ladezeit mit einem Ladegerät, das magnetisch am Kopf haftet. Das muss jemand zuverlässig im Blick haben. Lassen Sie sich in der Klinik zeigen, wie Telefonieren und Fernsehen ohne Bluetooth funktionieren.
Abzuwägen ist ein Tausch. Gewonnen wird Hören rund um die Uhr ohne Gerät am Kopf. Abgegeben werden im vollimplantierten Betrieb die einfache Hardware-Erneuerung über einen äußeren Prozessor und direktes Bluetooth-Streaming. Dazu kommt: Ein verbrauchter Akku lässt sich nur per Operation ersetzen.
Die Erstattung in Deutschland ist offen
Ein klassisches CI zahlt die gesetzliche Krankenkasse vollständig. Für das TICI UNICO hat MED-EL bisher weder einen Preis noch eine Erstattungsregelung veröffentlicht. Bei der Vorstellung hieß es, die Erstattung werde in vielen Ländern noch verhandelt.
Das Problem lässt sich beziffern. Kliniken erhalten für eine einseitige CI-Operation eine Fallpauschale von rund 25.600 Euro. Knapp 20.000 Euro davon sind für das Implantat kalkuliert.
In einem Antrag beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte heißt es, Fachkliniken erwarteten für das vollimplantierbare CI einen Implantatpreis von mehr als dem Doppelten. Die Pauschale deckt das nicht.
Solange es kein Zusatzentgelt gibt, trägt die Klinik die Differenz oder sie beantragt eine Kostenübernahme im Einzelfall. Für neue Verfahren können Kliniken ein solches Zusatzentgelt beantragen. Ob das für das TICI geschehen ist, ist öffentlich nicht bekannt.
Vor der Entscheidung klären: Klären Sie die Kostenfrage im ersten Klinikgespräch. Das betrifft die Erstimplantation und den späteren Implantattausch, wenn der Akku verbraucht ist.
Nicht wegen des TICI aufschieben: Wer bereits eine CI-Indikation hat, sollte eine empfohlene Versorgung nicht allein wegen des TICI aufschieben. Eine längere Dauer hochgradigen Hörverlusts kann die spätere Hörrehabilitation erschweren. Die Entscheidung im Einzelfall gehört ins CI-Zentrum. Auch Cochlear rät seinen eigenen Kandidaten, nicht auf vollimplantierbare Systeme zu warten.
Sieben Fragen für das Klinikgespräch
- Übernimmt die Krankenkasse die Kosten, und gilt das auch für einen späteren Implantattausch? Liegt die Zusage schriftlich vor?
- Wie viele TICI hat die Klinik bisher implantiert, und war sie an den Studien beteiligt?
- Passe ich zu den Studienteilnehmern, etwa bei der Dauer der Ertaubung?
- Was passiert bei einem Defekt von Mikrofon oder Akku? Arbeitet das Implantat dann mit einem äußeren Prozessor weiter?
- Ist die Haut an der geplanten Mikrofonposition geeignet, und wie wird das kontrolliert?
- Wie telefoniere ich, wie höre ich Fernsehen und Musik? Lässt sich das vorab ausprobieren?
- Was spräche in meinem Fall für ein klassisches CI?
Was Cochlear und Envoy entwickeln
MED-EL ist als Erster am Markt. Zwei Wettbewerber stehen in der klinischen Prüfung, zugelassen ist keines ihrer Systeme.
Cochlear hat 2025 eine Studie mit zehn Erwachsenen veröffentlicht (Briggs et al. 2025). Im unsichtbaren Modus verstanden die Teilnehmer schlechter als mit äußerem Prozessor, vor allem bei leiser Sprache. Zwei der zehn Implantate fielen nach 15 und 22 Monaten aus, weil die Isolierung am Mikrofonkabel versagte. Beide Patienten erhielten ein klassisches CI. Cochlear hat das System überarbeitet und die Rekrutierung für zwei Zulassungsstudien abgeschlossen.
Envoy Medical aus den USA verzichtet auf ein Mikrofon unter der Haut. Ein Sensor greift die Bewegung der Gehörknöchelchen ab, der Akku sitzt wie bei einem Herzschrittmacher in der Brust. In der ersten Studie nutzten zwei von drei Teilnehmern zusätzlich ein Hörgerät am implantierten Ohr (Dornhoffer et al. 2024). Envoy spricht von elektrischem Systemrauschen und gibt an, es behoben zu haben. Die Zulassungsstudie mit 56 Teilnehmern läuft. Den Antrag bei der US-Behörde FDA will Envoy 2027 vervollständigen.
Nuance: Die Befunde von Cochlear und Envoy lassen sich nicht auf MED-EL übertragen. Es sind andere Mikrofone und andere Bauweisen. Sie zeigen aber, welche Fragen eine veröffentlichte MED-EL-Studie beantworten muss: Hörleistung bei leiser Sprache, Rauschen und Ausfallrate über mehrere Jahre.
Fazit
Das Konzept ist schlüssig und der Bedarf echt. Was heißt das für die Entscheidung? Vier Ausgangslagen:
- Erwachsen, vor wenigen Jahren ertaubt, Dauerhören oder Diskretion sind wichtig: Das TICI ist eine vertretbare Option, wenn die Klinik Erfahrung damit hat und die Kostenübernahme schriftlich steht. Dazu gehört die Bereitschaft, als früher Träger offene Fragen mitzutragen. Ende September 2026 gab es weltweit 40 Träger.
- CI-Indikation, aber kein Bedarf an der neuesten Technik: Ein klassisches CI jetzt ist der sichere Weg. In ein bis zwei Jahren dürften die Daten der Zulassungsstudie und erste Erfahrungen aus der Versorgung vorliegen. Ein späterer Wechsel auf ein vollimplantierbares System wäre allerdings eine neue Operation.
- Bereits mit einem klassischen CI gut versorgt: Ein Wechsel bedeutet, ein funktionierendes Implantat samt Elektrode operativ zu ersetzen. Dafür müsste der zusätzliche Nutzen groß sein. Daten zu solchen Wechseln gibt es nicht.
- Kinder und seit Jahrzehnten Ertaubte: Für Kinder fehlt die Zulassung, für lange Ertaubte fehlen Daten. Hier bleibt das klassische CI die Versorgung der Wahl.
Unterm Strich: Das TICI UNICO löst reale Alltagsprobleme des klassischen CI: Hören nachts, im Wasser und ohne Gerät am Kopf. Die begutachtete Evidenz umfasst sechs Personen über ein Jahr. Die Zulassungsstudie mit 30 Personen ist noch nicht veröffentlicht. Akkulebensdauer, Körpergeräusche und Ausfallraten sind offen, die Erstattung in Deutschland ebenfalls. Für Kinder ist das Implantat nicht zugelassen.
Häufige Fragen
Was ist das TICI UNICO?
Ein vollständig implantierbares Cochlea-Implantat von MED-EL. Mikrofon, Signalverarbeitung, Akku und Elektrode liegen unter der Haut. Ein äußerer Audioprozessor ist nicht nötig, lässt sich aber weiterhin verwenden.
Ist das TICI UNICO für Kinder zugelassen?
Nein. Die Zulassung gilt für Erwachsene. Beide klinischen Studien haben nur Personen ab 18 Jahren aufgenommen.
Zahlt die Krankenkasse das TICI UNICO?
Das ist Stand Oktober 2026 nicht geklärt. MED-EL hat weder Preis noch Erstattungsregelung veröffentlicht. Die Fallpauschale für die CI-Operation deckt die erwarteten Mehrkosten nicht. Die Frage gehört vor jeder Entscheidung in das Klinikgespräch.
Wie lange hält der Akku?
Pro Ladung bis zu 40 Stunden, nach Herstellerangabe. Die Lebensdauer von mindestens 15 Jahren ist berechnet. Der längste dokumentierte Verlauf liegt bei rund fünf Jahren. Ist der Akku verbraucht, wird das Implantat operativ getauscht.
Hört man mit dem TICI so gut wie mit einem klassischen CI?
In der Machbarkeitsstudie lagen beide Modi bei sechs Personen auf ähnlichem Niveau. Eine statistische Prüfung gab es nicht. Die größere Studie mit 30 Personen ist noch nicht veröffentlicht.
Hört man die eigenen Körpergeräusche?
Ja. MED-EL beschreibt sie als gewöhnungsfähig. Veröffentlichte Messungen dazu fehlen. Beim ersten Cochlear-Prototyp von 2008 störten Körpergeräusche das Sprachverstehen. In der späteren Cochlear-Studie wurden sie als wahrnehmbar, aber akzeptabel beschrieben.
Kann man mit dem TICI UNICO ins MRT?
Nach Herstellerangabe bei 1,5 und 3,0 Tesla unter festgelegten Bedingungen. Das Mikrofon erzeugt eine zusätzliche Bildstörung in seiner Umgebung.
Lohnt es sich, auf das TICI zu warten?
Bei bestehender CI-Indikation spricht wenig dafür. Eine längere Dauer hochgradigen Hörverlusts kann die Rehabilitation erschweren, und die Erstattung ist ungeklärt. Die Entscheidung im Einzelfall gehört ins CI-Zentrum.
Quellen
Begutachtete Studien
Lefebvre PP, Müller J, Mark G, Schwarze F, Hochmair I (2025). Rehabilitation of human hearing with a totally implantable cochlear implant: a feasibility study. Communications Medicine 5, 10. DOI: 10.1038/s43856-024-00719-0
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Briggs RJS et al. (2008). Initial clinical experience with a totally implantable cochlear implant research device. Otology & Neurotology 29, 114–119. DOI: 10.1097/MAO.0b013e31814b242f
Dornhoffer JR, DeJong MD, Driscoll CLW, Saoji AA (2024). Early Hearing Outcomes and Audiological Experiences With a Novel Fully Implanted Cochlear Implant. Otology & Neurotology 45(10), e727–e734. DOI: 10.1097/MAO.0000000000004299
Dornhoffer JR, Lawlor SK, Saoji AA, Driscoll CLW (2023). Initial Experiences with the Envoy Acclaim Fully Implanted Cochlear Implant. Journal of Clinical Medicine 12, 5875. DOI: 10.3390/jcm12185875
Lo CY, Clay-Williams R, Elks B, Warren C, Rapport F (2024). The (in)visibility of deafness: Identity, stigma, quality of life and the potential role of totally implantable cochlear implants. Health Expectations 27, e14060. DOI: 10.1111/hex.14060
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Leitlinie, Register und Behörden
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World Health Organization (2021). World report on hearing.
Herstellerangaben, Kongress und Fachpresse (nicht begutachtet)
MED-EL: Produktseite TICI UNICO mit technischen Daten, abgerufen am 3. Oktober 2026.
MED-EL Professionals Blog: Interview zu den Ergebnissen der Machbarkeitsstudie.
Rak K (2026). Erfolgreiche Hörrehabilitation mit dem vollimplantierbaren Cochlea-Implantat TICI. DGHNO-Jahresversammlung, Abstract.
Müller J et al. (2025). Einjahres- und Vierjahresdaten der TICI-Machbarkeitsstudie. DGHNO-Jahresversammlung, Abstract.
Strom K (2026). MED-EL Launches TICI UNICO. Hearing Tracker, 29. September 2026.
Gent E (2026). World's First Fully Implanted Cochlear Implant Reaches Patients. IEEE Spectrum, 30. September 2026.
Cochlear (2026). Abschluss der Rekrutierung für ENTERPRISE und ELEVATE, Pressemitteilung.
Envoy Medical (2026). Rekrutierung der Acclaim-Zulassungsstudie abgeschlossen, Pressemitteilung vom 11. März 2026.
Stand: 3. Oktober 2026
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