Hörgeräte bei Tinnitus: Was wirklich dahinter steckt

von von Maximilian Bauer, MSc. Clinical Audiology (Kommentare: 0)

Hörgeräte bei Tinnitus, funktioniert das? Und wie genau?

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Stand: 17.02.2026 · geprüft nach aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen

Die meisten Menschen mit chronischem Tinnitus haben gleichzeitig eine messbare Hörminderung. Je nach Studie liegt der Anteil zwischen 70 und 90 Prozent. Trotzdem wird oft so getan, als seien Hörgeräte nur dann sinnvoll, wenn das Tonaudiogramm deutlich unter 25 dB HL fällt.

Genau hier beginnt das Problem.

Tinnitus ist kein Geräusch, das im Ohr entsteht wie ein Pfeifen aus einem Lautsprecher. Er beginnt häufig mit einer Veränderung im Innenohr. Wahrgenommen und aufrechterhalten wird er jedoch durch zentrale Verarbeitungsprozesse im Gehirn. Deshalb lautet die entscheidende Frage nicht nur: Wird der Ton leiser? Sondern: Verliert er an Dominanz im Alltag?

Wie viele Tinnituspatienten sind tatsächlich schwerhörig?

Die Mehrzahl der Betroffenen zeigt zumindest diskrete Hochtonverluste, synaptische Schäden oder sogenannte „hidden hearing loss“-Konstellationen. Das Tonaudiogramm ist dabei ein grobes Werkzeug. Ein PTA von 25 dB HL ist keine biologische Grenze, sondern eine Konvention.

Viele Patienten mit „normalem Hörtest“ berichten dennoch über:

  • schlechteres Sprachverstehen im Störgeräusch
  • erhöhte Höranstrengung
  • Geräuschüberempfindlichkeit
  • permanente innere Tonwahrnehmung
Einordnung:

Es geht in vielen Fällen weniger um die Hörschwelle, sondern um die Qualität der Reizverarbeitung. Ein unauffälliges Audiogramm schließt relevante Hörprobleme nicht automatisch aus.

Zwei Strategien: Maskierung oder Reafferentation?

Hier trennt sich die Diskussion. Viele Texte werfen beide Ansätze in einen Topf. In der Praxis sind es zwei unterschiedliche Ideen.

1. Maskierung

Ein Noiser oder ein Rauschprogramm überdeckt den Tinnitus. Das Verhältnis verschiebt sich temporär. Der Ton ist nicht weg, er wird überlagert. Sobald das Gerät ausgeschaltet wird, ist die Situation meist unverändert.

Wichtig:

Maskierung kann entlasten, ist aber typischerweise ein Effekt während der Anwendung. Eine dauerhafte Veränderung des Tinnitus ohne Gerät ist damit nicht automatisch gemeint.

2. Reafferentation (das Wieder-Zuführen von Hörsignalen zum Gehirn)

Ein Hörgerät verstärkt Umweltinformation selektiv. Nicht als Rauschteppich, sondern als differenzierter Input. Die Hypothese: Das Gehirn erhält wieder mehr strukturierte Signale. Die zentrale Verstärkung (central gain) muss weniger kompensieren. Die Dominanz des Tinnitus nimmt relativ ab. Das ist kein Marketingbegriff, sondern ein neurophysiologisches Konzept.

Merksatz:

Maskierung arbeitet mit Überdeckung. Reafferentation arbeitet mit besserem Input. Beides kann helfen, aber auf unterschiedliche Weise.

Wird der Tinnitus auch ohne Gerät leiser?

Das ist der entscheidende Punkt und der am wenigsten diskutierte. Kurzfassung: Oft wird der Tinnitus mit getragenem Gerät als weniger störend erlebt. Ob er ohne Gerät dauerhaft leiser wird, ist individuell sehr unterschiedlich.

Die Forschung zeigt:

  • Cochlea-Implantate können pathologische Aktivität unmittelbar reduzieren. Der Effekt verschwindet jedoch oft, wenn das Gerät deaktiviert wird.
  • Bei Hörgeräten ist die Datenlage dünner. Verbesserungen betreffen meist Distress-Scores wie THI oder TFI.
  • Eine dauerhafte Lautheitsreduktion ohne Gerät ist möglich, aber nicht garantiert.
Praktische Konsequenz:

Hörgeräte wirken in vielen Fällen über eine Veränderung der Wahrnehmungsgewichtung, nicht zwingend über eine irreversible „Heilung“ zentraler Hyperaktivität.

Warum selbst minimale Verstärkung sinnvoll sein kann

Hier wird es spannend. Selbst bei Menschen ohne klare Schwerhörigkeit kann eine sehr dezente, offene Verstärkung:

  • das Signal-zu-Tinnitus-Verhältnis verbessern
  • Höranstrengung reduzieren
  • limbische Aktivierung senken
  • Stress und Vigilanz dämpfen

Im Gegensatz zu einem Noiser bleibt die Umwelt akustisch sinnvoll strukturiert. Sprache, Raum und Dynamik bleiben erhalten. Das ist qualitativ etwas anderes als Rauschen.

Saubere Abgrenzung:

Das ist keine pauschale Empfehlung für „Hörgeräte trotz Normalhörigkeit“. Es ist eine klinische Überlegung, die bei ausgewählten Profilen diskutiert wird. Die Langzeitdaten sind dafür noch begrenzt.

Lautstärke versus Belastung

Ein häufiger Denkfehler lautet: Wenn der Ton nicht messbar leiser wird, hat die Therapie versagt. Das ist neurobiologisch zu kurz gedacht.

Tinnitus-Belastung korreliert stark mit:

  • limbischer Kopplung
  • Aufmerksamkeitsnetzwerken
  • Stressachsen
  • Schlafqualität

Ein Ton kann gleich laut bleiben und trotzdem irrelevant werden. Viele Patienten berichten genau das: „Er ist noch da, aber er stört mich nicht mehr.“ Und das ist klinisch ein Erfolg.

Für wen sind Hörgeräte bei Tinnitus sinnvoll?

In der Praxis profitieren besonders häufig:

  • Personen mit messbarer Hörminderung
  • Patienten mit subjektiven Hörproblemen trotz grenzwertigem Audiogramm
  • Menschen mit hoher Höranstrengung
  • Betroffene mit stress-assoziierter Tinnitusverstärkung

Nicht jeder profitiert. Aber deutlich mehr als oft angenommen.

Fazit

Hörgeräte bei Tinnitus sind keine einfache Maskierungshilfe. Sie können das Verhältnis zwischen innerem Ton und äußerer Welt verändern.

Ob der Tinnitus ohne Gerät dauerhaft leiser wird, hängt vom individuellen neurophysiologischen Zustand ab. Die stärkste Evidenz für echte neuronale Modulation gibt es derzeit bei Cochlea-Implantaten. Für klassische Hörgeräte sprechen viele klinische Erfahrungen und wachsende, aber noch nicht perfekte Daten.

Die entscheidende Frage ist daher nicht:

„Wird er weggehen?“
„Wird er seine Dominanz verlieren?“

Und genau hier beginnt die differenzierte audiologische Arbeit.


Über den Autor

Max Bauer

Maximilian Bauer, MSc. Clinical Audiology
Maximilian Bauer gilt als erfahrener Experte für Hörsystemversorgung, moderne Hörakustik und ethische Beratung im Gesundheitswesen. Er verbindet handwerkliche Präzision mit akademischem Wissen und setzt sich für eine transparente, menschenorientierte Hörversorgung ein.

www.hoergeraete-insider.de


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